Für alle, die Impfungen kritisch gegenüber stehen!

DIE ZEIT Nr. 30  18.07.2002 Wissen

 
Wind des Unheils; Die Kinderlähmung ist weltweit fast ausgerottet.; Sogar im chaotischen Somalia wird geimpft.; Doch Terror und Geldmangel gefährden den Erfolg der Kampagne

 

 

Grill, Bartholomäus

Die Vereinten Nationen melden: weltweite Kampagne gegen Kinderlähmung, Polioerreger beinahe ausgerottet. Wenn die UN, in diesem Fall die Unterabteilung der Weltgesundheitsorganisation WHO, solche globalen Triumphe verkünden, weht sie aus allen Windrichtungen Zweifel an. Denn die Weltorganisation hat schon viele Mammutprojekte angepackt, aber nur wenige vollendet. Und hier in Baidoa, einer kriegsverwüsteten Stadt im Herzen Somalias, zweifelt man erst recht an der guten Nachricht aus New York. Wir sind unterwegs mit einer Impfkolonne der UN und erleben gerade, wie ein Vater sich beharrlich weigert, seine jüngste Tochter Tropfen gegen die Kinderlähmung schlucken zu lassen.

Es gibt Zehntausende ähnlicher Orte auf der Erde und vermutlich Hunderttausende Väter und Mütter, die genauso abweisend reagieren. Sie leben in Elendslagern und riesigen Slums, in unzugänglichen Krisengebieten oder abgelegenen Winkeln. Wie soll da ein tückisches Virus wirksam bekämpft, ja, für immer vernichtet werden? Unvorstellbar.

Nein, sagt der Vater, nochmals nein. Er will dieses Zeug nicht, das angeblich sein Kind schützt. Warum nicht? Weil man nie vorsichtig genug sein kann, sagt er. Seine Familie ist seit zehn Jahren auf der Flucht. Es schwelt ein Bürgerkrieg, die Leute haben Angst und erzählen die wildesten Geschichten.

Die vaccinators der UN seien getarnte Agenten, die den Islam auslöschen wollten. Oder: Ihr Elixier mache Kinder unfruchtbar. Oder: Die Schluckimpfung verbreite Aids.

Zwei UN-Helfer reden auf den argwöhnischen Vater ein. Die mühselige Überzeugungsarbeit gehört zu ihren leichteren Aufgaben in einem Staat, der vor elf Jahren aufgehört hat zu existieren. Es gibt keine rechtmäßige Regierung, keine funktionierenden Hospitäler, keine medizinischen Einrichtungen, die den Namen verdient hätten. Auf einen somalischen Arzt kommen eine viertel Million Menschen. Straßen, Brücken, Landepisten sind weitgehend zerstört, die größeren Orte sind Trümmerfelder. Ganze Landstriche, in denen Warlords und ihre Milizen um die Vormacht kämpfen, sind von der Außenwelt abgeschnitten. Zahllose Menschen irren von irgendwo nach nirgendwo, Vertriebene auf der Suche nach Nahrung und ein bisschen Sicherheit, dürregeplagte Nomaden mit ihren Viehherden, Flüchtlinge, die den Mordbrennern entkommen sind und in Elendslagern, drüben in Kenia oder Äthiopien, Ruhe suchen.

Wie haben es die UN-Helfer unter derart katastrophalen Umständen geschafft, seit 1998 in elf Durchgängen jeweils 1,2 Millionen somalische Kleinkinder zu immunisieren? Im Jahr 2000 wurden landesweit noch 46 Polioinfektionen mit zwei Erregertypen registriert, 2001 waren es nur noch 7 Infektionen mit einem Virustyp - eine geradezu sensationelle Zwischenbilanz. Die Organisatoren propagieren ihren Feldzug gegen die Kinderlähmung mit handgemalten Bildern an Hauswänden, mit Fähnlein und Aufklebern, Käppis und Kugelschreibern. Sie lassen Tanzgruppen durch die Dörfer tingeln und veranstalten Fußballturniere.

Sie suchen den Beistand von Ältestenräten, Religionsführern und Frauengruppen. Und sie nutzen den Somali Service der BBC in London, das einzige überregionale Massenmedium im Lande.

Der misstrauische Vater im Flüchtlingslager lässt sich schließlich doch überzeugen. Seine Jüngste schluckt die Tropfen, die Impfkarawane zieht weiter. Auf der Fahrt zum nächsten Einsatzort reden die Helfer über die beiden Notärzte aus Kenia, die am Wochenende im Nachbardistrikt Geddo umgebracht wurden. Dort wird wieder heftig gekämpft. Die Lage ist verworren.

Um in Unruheherden aktiv zu werden, müssen die UN Sondergenehmigungen von den jeweiligen Kriegsfürsten kaufen sie verfallen so rasch wie deren Macht. Für ausländische Mitarbeiter ist die Arbeit in Somalia ohnehin zu gefährlich. Es sind fast ausschließlich Ortskräfte im Einsatz sie fallen weniger auf, finden sich besser zurecht. Aber auch sie arbeiten unter höchstem Risiko. Wer einen Zeitvertrag bei den UN hat, gilt als reich. Er wird in US-Dollars entlohnt und verfügt über begehrte Güter: Medikamente, Benzin, Werkzeug, Funkgeräte.

Um Plünderern oder Neidern zu entgehen, ist mancher UN-Helfer gezwungen, jede Nacht woanders zu schlafen. Im vergangenen Jahr wurde ein Mitarbeiter umgebracht, weil er seinen Job nicht für den Bewerber eines rivalisierenden Clans aufgeben wollte. Er war einer der drei Somalier, die 2001 bei Massenimpfungen ums Leben kamen eine Reihe anderer Helfer wurde bei Schießereien oder Verkehrsunfällen verletzt. Im März entführten Banditen neun UN-Leute und hielten sie in Mogadischu neun Tage lang als Geiseln.

 

Angst vor den fremden Helfern

Die Kolonne, ein Dutzend Frauen und Männer in limonengrünen T-Shirts, verteilt sich in Hawalwadage, einem Vorort von Baidoa. Sie werben mit Megafonen, durchkämmen Straße um Straße, klopfen an windschiefe Hütten, stehen mit Engelsgeduld an Dornenzäunen, um ihr Anliegen zu erläutern. Eine verängstigte Mutter nimmt mit ihrem Baby Reißaus, sie versteht nicht, was diese wildfremden Leute mit den Ampullen vorhaben.

Ganz anders reagiert eine alte Frau, die im Hinterhof Hirse mahlt. Die Impfung, meint sie, sei eine gute Sache. "Aber wann kommt ihr, um all die anderen Krankheiten zu kurieren?" Sie deutet auf ihren Enkel, der fürchterlich zu weinen anfängt. Seine rechte Hand ist verkrümmt, das Gelenk steif. Ihm hilft die Impfung nicht mehr. Dabaysha hat ihn angeblasen, der unheilvolle Wind - so nennen die Somalier den Polioerreger, weil er durch die Luft wirbelt wie Wüstenstaub.

Poliomyelitis wird von einem hoch ansteckenden Virus ausgelöst, das über Mund oder Nase in den Körper dringt, sich im Verdauungstrakt vermehrt und das Nervensystem befällt. Es kann in wenigen Stunden eine totale Paralyse auslösen. Eine von 200 Infektionen führt zu irreparablen Lähmungen, meist in den Beinen. Anfällig sind vor allem Kinder unter drei Jahren. Es gibt noch immer kein Heilmittel gegen Polio, die Infektion kann nur durch aktive Immunisierung verhindert werden: Etliche Tropfen Impfstoff mit einem schwächeren Erreger, mehrfach verabreicht, schützen ein Leben lang.

Im Jahr 1988 wurde dieser Geißel der Kindheit der Krieg erklärt: Auf einem Weltgesundheitsgipfel beschlossen Delegierte aus 166 Staaten die Global Polio Eradication Initiative. Pessimisten sprachen sogleich von einer mission impossible. Aber die WHO, das UN-Kinderhilfswerk Unicef und die Centers for Disease Control in Atlanta, USA, gingen die "unmögliche Mission" mit vereinten Kräften an. Sie heuerten im Laufe der Jahre rund zehn Millionen Mitarbeiter an, die durch die Slums der Megastädte zogen, Wüsten und Urwälder durchquerten, Hochgebirge überwanden und in trostloseste Kriegsgebiete vordrangen. Sie immunisierten bis heute rund zwei Milliarden Kleinkinder.

Ohne diese Kampagne wären heute zusätzlich drei Millionen Menschen in den Entwicklungsländern gelähmt. 1988, im ersten Jahr, lag die geschätzte Zahl akuter Poliofälle bei 350 000 weltweit damals wurden täglich rund 1000 Kinder gelähmt. 13 Jahre später registrierten die Epidemiologen noch 537 Fälle - eine Reduktion um 99,8 Prozent. Seit 1994 gelten Nord- und Südamerika als poliofrei, seit 2000 die westpazifische Region inklusive China, vergangene Woche folgte Europa - eine gesundheitspolitische Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Beispiellos ist auch das Engagement von Rotary International. Die altehrwürdige Wohlfahrtsorganisation hat in ihren 30 000 Clubs fast eine halbe Milliarde Dollar für das Projekt gesammelt - eine der größten privaten Spendenaktionen aller Zeiten.

Eine Straßensperre am Rande von Baidoa. Grimmige Kerle mit Kalaschnikows filzen alle durchkommenden Fahrzeuge. Soeben stoppen sie einen klapprigen Laster, der mit Passagieren und Brennholz voll beladen ist, und befehlen: Mütter und Kinder aussteigen! Fünf schüchterne Frauen klettern mit ihren Säuglingen von der Ladefläche und werden zu einem Holztisch neben der Barriere aus Ölfässern geleitet - ein improvisierter Impfposten. Das Procedere mutet ziemlich militärisch an. "Außergewöhnliche Umstände erfordern außergewöhnliche Maßnahmen", erklärt Patrick Mwangi von Unicef.

"Straßensperren sind für uns strategisch wichtige Punkte. Hier können wir Kinder impfen, die wir sonst kaum erreichen." Kinder von Nomaden, Flüchtlingen oder versprengten Sippen, die irgendwo im Busch ihre Notlager haben.

Polioviren überleben außerhalb des menschlichen Wirts nicht lange wenn eine kritische Anzahl Kinder immunisiert ist, können sie sich nicht mehr verbreiten, die Infektionskette reißt. "Aber wir haben noch nicht gewonnen", mahnt Seuchenexpertin Athalia Christie, die vom Forschungszentrum in Atlanta nach Somalia entsandt wurde.

Das Restprogramm, das bis 2005 läuft, erfordert noch eine Milliarde Dollar derzeit klafft eine Finanzierungslücke von 275 Millionen Dollar. Und die letzten Rückzugsgebiete, in denen Polio noch auftritt, gelten als besonders schwierig, Afghanistan etwa, wo die Kampagne nach dem 11. September wegen des Kampfs gegen den Terrorismus unterbrochen wurde. Zu den letzten Herrschaftsgebieten des Virus gehören auch Indien, Pakistan, Bangladesch, Nigeria oder Ägypten, Staaten mit extrem hoher Bevölkerungsdichte. Und kriegsgeplagte Länder wie Sudan, Kongo, Angola. Oder eben Somalia.

 

Lieder gegen die Lähmung

Auch hier musste die Kampagne einen Rückschlag hinnehmen, der indirekt mit dem Anschlag in Manhattan zusammenhängt. Die US-Regierung setzte nämlich Al Barakaat auf die Liste der Terrororganisationen, ein undurchsichtiges Banken- und Telefonkonsortium, das angeblich der al-Qaida zuarbeitet. Seit Al Barakaat gezwungen wurde, Operationen in Somalia einzustellen, ist das Infonetz der UN zerrissen

 

E-Mail und Handy funktionieren nicht mehr.

"Aber irgendwie geht es immer weiter", sagt der Chef der Kühlkammer im UN-Basislager von Baidoa. Der Raum wirkt im allgemeinen Chaos der Stadt wie eine wunderliche Zelle der Ordnung: zwei Dutzend Gefriertruhen, darin fein säuberlich sortiert Tausende Impfampullen, im Hintergrund ein schepperndes Notstromaggregat. Dies ist das Ende einer langen Kühlkette, die seit der Produktion des Impfstoffs nicht unterbrochen werden durfte - das letzte Glied einer logistischen Meisterleistung. In der glühenden Sonne Somalias würde der ungekühlte Impfstoff schnell verderben.

Es geht wieder hinaus in die Backofenhitze, auf einen Platz hinter dem Markt, zum Einläuten der nächsten Impfrunde. Zwischen Ruinen, Müllhaufen und streunenden Eseln spielt eine Gruppe von Trommlern, begleitet von einem uralten Meazzi-Akkordeon aus italienischen Kolonialtagen. Lieder gegen dabaysha werden gesungen. Helfer verteilen Flugblätter mit bunten Bildgeschichten, denn die meisten Menschen können nicht lesen. Morgen wird die Impfbrigade in den limonengrünen Hemden wieder ausschwärmen. In die Dörfer und Notlager, vor die Hütten, zu furchtsamen Kindern und misstrauischen Eltern. Sie wird eine weitere Schlacht gegen die Kinderlähmung schlagen. Schade, dass es keinen Nobelpreis für solche Missionen gibt. Die Initiative zur globalen Polioausrottung hätte ihn verdient.