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Baby Tv - Fernsehen für Kleinkinder?
Spezielle TV-Programme und DVD für Kleinkinder sollen deren Entwicklung fördern. Hirnforscher warnen jedoch vor negativen Folgen des TV-Konsums im Kleinkindalter: Kinder, die oft fernsehen, hinken anderen Kindern bei der Sprachentwicklung hinterher. Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, haben jedoch einen Vorsprung. Daraufhin sollten Ärzte die Eltern hinweisen: Wer etwas für die Entwicklung seiner Kleinkinder tun will, sollte ihnen lieber Geschichten vorlesen.
Von Thomas Müller
Bunte Bilder, krabbelnde und brabbelnde Babys, dazu entspannende Musik: TV-Programme und DVD speziell für Kinder unter zwei Jahren sollen deren Hirnentwicklung fördern. Viele Eltern glauben daran. Alles Unsinn, behauptet dagegen der Hirnforscher Professor Manfred Spitzer aus Ulm. Genau das Gegenteil sei der Fall: Sitzen schon Babys vor dem Fernsehen oder PC, so behindert das ihre geistige Entwicklung - egal, was sie dabei sehen.
Auf dem Psychiatrie-Kongress in Berlin kritisierte Spitzer scharf TV-Sendungen und DVD für Babys, wie sie auch in Deutschland über Kabel oder Satellit zu empfangen sind. Vielen Eltern kommen die Programme zwar gelegen: Sie wollen vor allem Ruhe haben, wenn sie die Babys vor den Bildschirm setzen. Nach Daten einer Umfrage glaubten mehr als ein Drittel der Eltern, dass spezielle Sendungen und DVD ihre Kleinkinder wirklich klüger machen. Neue Daten aus der Hirnforschung zeigten jedoch, dass dies bei Babys gar nicht möglich ist: "Babys lernen ganzheitlich", so Spitzer. Sie können mit der Bilder- und Geräusch-Flut aus einem toten Gerät wenig anfangen.
Der Hirnforscher nannte eine Studie in US-Krabbelgruppen mit Kindern, die alle in englischsprachigen Familien aufwuchsen. Die Kinder waren neun bis zwölf Monate alt - eine Zeit, in der sie lernen, Wörter und Laute zu unterscheiden. Die Kinder bekamen mehrmals pro Woche Geschichten auf chinesisch vorgelesen. Nach zwei Monaten konnten die Kinder in speziellen Tests chinesische Laute ähnlich gut unterscheiden wie Kinder, die bei chinesischen Eltern aufwachsen. In zwei anderen Gruppen wurden den Kindern dagegen Videos gezeigt, wie jemand die chinesischen Geschichten vorlas, oder es wurden Audiokassetten vorgespielt. Das Ergebnis: In beiden Gruppen hatten die Kinder nach zwei Monaten nichts gelernt. Sie konnten chinesische Laute genauso wenig erkennen wie Kinder, die nie ein Wort chinesisch gehört hatten.
Spitzer erklärt dies so: Kleinkinder müssen lernen, neue Sinneswahrnehmungen durch eigenes Erleben erst einzuordnen - sie müssen die Welt praktisch mit allen ihren Sinnen erleben. "Und das geht nicht am Bildschirm." So erzeugt die Netzhaut etwa von einer Tischkante ein ähnliches Bild wie von einem Schatten. Erst wenn Kinder die Kante berühren, also auch mit anderen Sinnen wahrnehmen, lernen sie, zwischen den Schatten und der Tischkante zu unterscheiden. Danach erst können sie die Tischkante auch rein visuell als solche erkennen.
Das sei auch mit Lauten so: Kinder korrelieren die Laute zunächst mit Lippenbewegungen. Das hilft ihnen bei der Unterscheidung. Lippenbewegungen auf einem kleinen, zwei-dimensionalen Bildschirm erregen aber nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie bei anwesenden Personen, die die Kinder ansprechen.
Wenig überraschend ist für Spitzer daher auch, dass Kinder, die früh an Fernsehen und Videos gewöhnt werden, statt in dieser Zeit die Welt zu erkunden, mit der geistigen Entwicklung hinterher hinken. Der Ulmer Forscher nannte Ergebnisse einer Umfrage bei etwa 1000 Familien mit Kleinkindern zwischen 8 und 16 Monaten in den USA. Dort wurde gefragt, wie häufig die Eltern ihren Kindern vorlesen, wie oft sie Musik machen oder ob sie mit ihren Kindern auch TV und Video nutzen. Zugleich wurde bei den Kindern getestet, wie viele Wörter sie bereits sprechen oder verstehen können. Wurden Begleitfaktoren herausgerechnet, brachte Vorlesen am meisten für die Sprachentwicklung: Kinder, die viel vorgelesen bekamen, kannten im Schnitt acht Prozent mehr Wörter als der Durchschnitt. Kinder, die regelmäßig Baby-TV oder Baby-DVDs schauten, dagegen 20 Prozent weniger.
Spitzer ist davon überzeugt, dass dieser Unterschied für die Zukunft der Kinder gravierende Folgen haben kann. Er nannte als Beispiel eine große Kohortenstudie aus Neuseeland, in der über 1000 Kinder von der Geburt bis zum 35. Lebensjahr regelmäßig untersucht wurden. Einer der stärksten Prädiktoren, ob jemand einen Universitätsabschluss machte, war der Fernseh- und Videokonsum im Kindergartenalter. Von den Kindern mit weniger als einer Stunde täglich machten 40 Prozent einen Uniabschluss, von den Kindern mit mehr als drei Stunden nur 10 Prozent. Der Unterschied blieb ähnlich groß, wenn Begleitfaktoren wie die soziale Schicht berücksichtigt wurden. Dagegen korrelierte der TV- und Videokonsum im Jugendalter kaum noch mit der beruflichen Entwicklung.
Das, so Spitzer, lässt sich nur verstehen, wenn man von einem schlechten Einfluss von Bildschirmmedien auf die Hirnentwicklung bei Kindern ausgeht. Und da verheißt die Zukunft wohl wenig Gutes: Zwar seien sich Pädiater darin einig, dass Kinder unter zwei Jahren vor einem Bildschirm nichts zu suchen haben, die Realität sehe jedoch anders aus: "90 Prozent der Zweijährigen in den USA können bereits eine DVD oder Videokassette einlegen." Für den Hirnforscher heißt das: "Wir werden in den nächsten 25 Jahren noch viele negative Konsequenzen des derzeitigen Fernsehen- und Videokonsums ausbaden müssen. Dann werden wir uns fragen: Wie konnten wir damals so dumm sein und Dinge zulassen, von denen klar war, dass sie gar nicht gut sein können?"
Baby-TV gibt's auch im Internet unter: www.babytv.info
Quelle: Ärztezeitung vom 29.11.2007
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